Zum Thema Brotmarkt, 18. Aug 2015

Sind moderne Getreidezüchtungen ein Problem?

In den Medien werden „moderne Getreidezüchtungen“ für allerlei Leiden verantwortlich gemacht. Dies muss jedoch sehr relativiert werden…

Wie bereits dargestellt, gibt es in der Tat Menschen, die keinen Weizen vertragen, obwohl das Krankheitsbild der Zöliakie nicht nachgewiesen werden kann. Für diese Weizensensitivität wurde von den Medien lange Zeit das natürliche Eiweiß Gluten verantwortlich gemacht. Nachdem jüngste Forschungen gezeigt haben, dass möglicherweise andere natürliche Proteine namens Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) eine Rolle spielen können, richtet sich das Augenmerk der Medien zunehmend hierauf. Um zu skandalisieren, wird hierbei oft auf die „modernen Züchtungen“ geschimpft. Mehr noch: die ATI wären eigens in den Weizen „eingekreuzt“ worden.

Dem widerspricht Professor Dr. Detlef Schuppan, der als führender Forscher auf diesem Gebiet in den USA und in Deutschland wirkt, in einem Interview: „Das ist so nicht richtig, wird aber in der Presse immer wieder falsch wiedergegeben. Die ATIs sind spontan vorhandenen Gene, die nicht „hineingekreuzt“ wurden, sondern schon immer da waren, zumindest in den etwas kultivierteren Weizensorten. In ganz alten Weizensorten findet man im Vergleich zum modernen Weizen nur 1/5 Anteil an ATIs. Beim Einkorn (…) gibt es sogar eine alte Sorte, die keinerlei ATIs enthält. In den moderneren Weizensorten ist der Anteil dieser Gene durch Züchtung lediglich etwas bzw. zum Teil deutlich erhöht, maximal jedoch nur um den Faktor 2 oder 3. Das ist relevant, aber nicht dramatisch. Zum Vergleich: Dinkel enthält ca. halb so viel und Emmer enthält etwa ein Drittel oder ein Viertel der ATIs von modernem Weizen.“[1]

Die relativ neuen Erkenntnisse zu den ATI führen aktuell zu intensiven Dialogen zwischen den Getreidezüchtern und der Landwirtschaft, an deren Ende Getreidesorten mit reduziertem ATI-Gehalt stehen könnten. Zudem laufen an den Universitäten von Harvard und Mainz aktuell klinische Untersuchungen, mit deren Hilfe die Ergebnisse aus der Grundlagenforschung validiert werden sollen. Wie deren Leiter Prof. Schuppan an anderer Stelle seines oben zitierten Interviews nochmals bestätigt, ist Weizen aber für über 90 Prozent der Bevölkerung wahrscheinlich nicht schädlich. Patienten, die den Eindruck haben, glutenhaltige Nahrungsmittel nicht zu vertragen, empfiehlt er zunächst eine gründliche Diagnostik, um eine Zöliakie, eine Allergie oder sonstige Erkrankungen auszuschließen.

Publiziert unter http://goo.gl/CvQLq5 (abgerufen am 15.02.2015)