Zum Thema Brotmarkt, 18. Aug 2015

Spekulationsobjekt Getreide

In den USA werden 60 Millionen Tonnen Weizen pro Jahr produziert, jedoch 4.400 Tonnen Weizen (4,4 Milliarden Tonnen!) Weizen an der Börse gehandelt…

Es ist gewiss nichts dagegen einzuwenden, dass ein Landwirt, der sich gegen Preisschwankungen absichern möchte, das Getreide schon vor der eigentlichen Ernte an Warenbörsen handeln darf. So kann er einen Teil der Ernte bereits vorab verkaufen, wenn der Marktpreis für ihn günstig ist. Doch die derzeitige Form der Getreidespekulation reguliert den Markt nicht mehr, sondern vernichtet Existenzen und sogar Menschenleben.

Auslöser hierzu war, dass an den Getreidebörsen wie beispielsweise in Chicago um die Jahrtausendwende die Zugangsbeschränkungen zum Agrarmarkt gelockert wurden. Seitdem dürfen auch institutionelle Anleger unbegrenzt mit Nahrungsmitteln spekulieren. Sie legten in der Folge große Fonds auf, in denen Anleger in Agrarrohstoffen investieren und auf deren Kursentwicklungen spekulieren können.

Die Folgen sind dramatisch: In den USA werden real 60 Millionen Tonnen Weizen produziert, doch 4.400 Millionen Tonnen an den Börsen gehandelt.[1] Die UN-Ernährungsorganisation (FAO) und das Bundeslandwirtschaftsministerium führen die stärkeren Agrarpreisschwankungen zum Teil auf diese Finanzmarkt-Aktivitäten zurück.

Der spekulative Finanzhandel mit Weizen, Mais und Soja blüht. Man weiß, dass auch deutsche Versicherungen und Banken hierbei kräftig mitmischen, in dem sie mehrere Milliarden für ihre Anleger entsprechend investieren. Diesen geht es um Rendite. Steigende Getreidepreise erhöhen die Rendite und sind dementsprechend erwünscht. Nicht aber für die Versorgung der Bevölkerung!

Dass auch die Bäckereien unseres Landes von dieser Spekulation betroffen sind, ist leider die logische Konsequenz. Sie können die steigenden Mehlpreise im aktuellen Marktumfeld kaum noch weitergeben und geraten zuweilen unter wirtschaftlichen Druck. Doch es gibt noch eine viel dramatischere Kehrseite: Viele Menschen in Afrika sind auf Weizen-Einfuhren angewiesen. Diese geben nahezu ihr gesamtes Einkommen für Nahrung aus. Dabei sind wenige Cent Preissteigerung fatal. Zuerst spart man sich den Schulbesuch der Kinder. Dann verkauft man die letzte Kuh. Und schließlich wird gehungert. Dieser Hunger findet statt. Jeden Tag.

Politischen Forderungen nach einer Einschränkung der Lebensmittel-Spekulation werden von Seiten der betroffenen Banken verhindert. Thilo Bode von der Verbraucherorganisation Foodwatch bringt die Sache in der ARD-Sendung „Plusminus“ vom 22.05.2013 auf den Punkt: „Die Banken wollen weiter spekulieren, auch wenn Menschen dabei verhungern“.[2]

Getreidespekulation reguliert längst nicht nur Märkte, wie dies einmal angedacht war. Börsenspekulation mit Nahrungsmitteln tötet.

Angaben aus der ARD-Sendung „Plusminus“ vom 22.05.2013, online verfügbar unter http://goo.gl/YycMAj (abgerufen am 11.5.14) .

Thilo Bode in der ARD-Sendung „Plusminus“ vom 22.05.2013, online verfügbar unter http://goo.gl/xtrVCZ (abgerufen am 11.5.14) .