Zum Thema Brotmarkt, 18. Aug 2015

Braucht es morgen noch Bäckereien?

Warum der Einkauf beim Bäcker den Lebensmittelmarkt der Zukunft beeinflusst…

In Deutschland findet eine zunehmende Marktkonzentration des Lebensmittelhandels statt. Nach außen kann sich der Verbraucher zwischen vielen Anbietern entscheiden: Edeka, Rewe, Aldi, Lidl, Marktkauf, Wasgau, Neukauf, Kaufland, Netto, Penny, Nahkauf, E-Center, Diska, Norma, C&C, Kaufpark, Billa, Treff, Nah & Gut, Globus und zahlreiche weitere. Doch hinter all diesen Namen stecken gerade einmal vier Konzerne: die Edeka-Gruppe (44,6 Milliarden Umsatz in 2012 alleine mit Lebensmitteln), die Rewe-Gruppe (26,2 Milliarden), die Schwarz-Gruppe (24 Milliarden), die Aldi-Gruppe (20,9 Milliarden).[1] Mehr noch: diese beherrschen inzwischen schon 85 % des gesamten deutschen Lebensmittelmarktes![2] Nach Angaben des Branchenverbandes machen die fünf größten Konzerne zwar „nur“ 75 % des Lebensmittelmarktes unter sich aus.[3] Hierzu gehört dann noch die Metro-Gruppe mit 11,3 Milliarden Lebensmittelumsatz in 2012. Doch keine Statistik kann bestreiten, dass erschreckend wenige Konzerne darüber bestimmen, was bei uns auf den Teller kommt.

Diese Marktmacht setzt die rund 6.000 Lieferanten des Lebensmittelhandels enorm unter Druck. Sie unterbieten sich gegenseitig, was derzeit für die niedrigsten Lebensmittelpreise Europas sorgt. Doch wer sich darüber freut, denkt zu kurz. Was ist, wenn die Konzerne nach etwas weiterer Konzentration mit Fusionen usw. den Wettbewerb ähnlich ausblenden wie dies im Benzinmarkt von vielen Menschen wahrgenommen wird? Und dann die Preisschraube gemeinsam nach oben drehen? Schließlich sind Konzerne keine Wohltäter, sondern nach Gewinn strebende Unternehmen.

Diese Gefahr ist durchaus vorhanden. Es gibt in Deutschland zwar ein Kartellrecht, das Preisabsprachen verbietet. Doch immer wieder werden Lebensmittelproduzenten dabei ertappt, heimlich mit der Konkurrenz Preise abgesprochen zu haben, um dem hohen Druck des Handels stand zu halten. So hat das Bundeskartellamt im Jahr 2014 insgesamt 11 große Brauereien wegen illegaler Preisabsprachen zu einer Strafe von 338 Millionen Euro verurteilt. Beim Verfahren stellte sich heraus, dass jeder Kasten Bier aufgrund von illegalen Preisabsprachen im Schnitt einen Euro zu teuer verkauft wurde.[4] Dies ist kein leider Einzelfall. Alleine in den letzten zwei Jahren sind auch Unternehmen der Mühlenindustrie, der Wurstindustrie sowie drei große Zuckerhersteller wegen illegaler Preisabsprachen verurteilt worden.

Von den Millionenstrafen, die von so erwischten Unternehmen gefordert werden, erhält der Kunde keinen Cent seines Einkaufswertes zurück. Ganz im Gegenteil: Strafen sind Kosten und diese werden von den Firmen natürlich in die Preise einkalkuliert. Der Kunde zahlt letztlich also auch die Bußgelder und ist doppelt bestraft.

Konzentration birgt stets Gefahren. Was ist, wenn wir eines Tages bei Lebensmitteln keine Wahl mehr haben? So warnt Kartellamtschef Andreas Mundt bereits vor der Konzentration im Lebensmittelhandel: „Der Wettbewerb ist eingeschränkt“.[5]

Für Dich, lieber Brotfreund, gewiss eine Überraschung: Die Handelskonzerne beherrschen längst auch große Teile des Bäckerei-Marktes. Alleine der Edeka-Konzern betreibt über 2.500 Bäckerei-Filialen unter verschiedenen Namen wie z.B. Schäfers Brot- und Kuchenspezialitäten, K&U Bäckerei, Schwarzwaldbrot, Bäckerbub, Bäckerhaus Ecker, Backstube Wünsche, Thürmann, Bäckerei Büsch, oder Hohenwestedter Landbäckerei. Damit ist Edeka das größte Bäckereiunternehmen Deutschlands.[6] Dies ist keine Klage und erst recht keine Abwertung von deren Arbeit, nur eine Feststellung. Andere Handelskonzerne wie z.B. die REWE-Gruppe (u.a. Glockenbäckerei, Bäckerei Rothermel) tun es Edeka gleich. Auch Lidl hat ein eigenes, riesiges Werk für die industrielle Produktion von Backwaren für die eigenen Aufbackstationen errichtet. Hinzu kommen viele eigenständige Tiefkühl-Produktionen im In- und Ausland, die gewaltige Mengen an Aufbackware über den Handel, Tankstellen und Back-Discounter absetzen.

Aus Sicht der Backwarenversorgung könnte man tatsächlich auf handwerkliche Bäckereien verzichten. Es gäbe gewiss keinen Mangel an Backwaren, wenn diese morgen schließen würden. Doch der Preis wäre ein Mangel an Vielfalt, an Kultur, an Dufterlebnis vor Ort, an lächelnden Verkäuferinnen, an Auftraggebern für regionale Firmen, an Förderern der örtlichen Vereine, an attraktiven Arbeits- und Ausbildungsplätzen in der Fläche. Der Einkauf im traditionell kleinteiligen Bäckerhandwerk ist immer auch eine Entscheidung für den Mittelstand und für die eigene Region. Du, lieber Brotfreund, hast täglich die Wahl…

Quelle: Lebensmittelzeitung – online verfügbar unter http://www.lebensmittelzeitung.net/business/daten-fakten/rankings/Top-30-Lebensmittelhandel-Deutschland-2013_371.html (abgerufen am 18.05.2014)

Recherche des Stern, publiziert in Ausgabe Nr. 3/2013

Quelle: Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie – online verfügbar unter http://goo.gl/55zTpK (abgerufen am 18.05.2014)

Drastische Strafen für das Bierkartell“. In: Handelsblatt vom 2.4.2014 – online verfügbar unter http://goo.gl/r5Rt7L (abgerufen am 11.5.14)

Stern, Ausgabe 2/2013

Quelle: Magazin BackBusiness Nr. 4 / April 2014