Zum Thema Brotkultur, 16. Aug 2015

Brot in der Politik

Wie unser Brot die Welt massiv verändert hat. Oder: Was bei der französischen Revolution wirklich passiert ist…

Die Überschrift macht gewiss stutzig, doch es ist in der Tat das Brot, das in der politischen Geschichte der Menschheit mehr Einfluss hatte, als jedes andere Lebensmittel. Schon das römische Reich konnte in dieser Dimension nur entstehen, weil die Römer schon vor 2.000 Jahren Großbäckereien betrieben haben. So zeigt das Grabmal des Bäckers Marcus Vergilius Eurysaces aus dem Jahr 30 v. Christus, dass damals schon 36.000 Brote gebacken werden konnten. Pro Tag! Erst durch die Fähigkeit, ihre Legionen mit Brot zu versorgen, konnten die Römer militärisch so erfolgreich werden. Schon ein altes russisches Sprichwort besagt: „Brot ist der größte Verbündete, den ein Heer hat, denn der Soldat marschiert nie weiter als sein Magen.“

Neben den militärischen Aktivitäten haben Revolutionen die Politik sehr geprägt. So entstanden die meisten Revolutionen in der Weltgeschichte aus Brotmangel. Dies sei am Beispiel der französischen Revolution festgemacht, die als Gründungsereignis der Moderne gilt. Mit der Erklärung der Menschen und Bürgerrechte am 26. August 1789 wurde ein Meilenstein gesetzt, der die heutigen Demokratien weltweit geprägt hat.

Tatsächlich ging es den Menschen in Frankreich damals primär gar nicht um „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ (Liberté, Égalité, Fraternité). Diese Losung wurde von Napoleon erst 50 Jahre später aufgegriffen und der französischen Revolution zugeschrieben [1]. Tatsächlich interessierten sich die Menschen damals wenig für die Ideen der Aufklärer. Die Sorgen waren viel existenzieller: sie hatten Hunger!

Die Geschichte der Französischen Revolution begann schon 14 Jahre vor dem Sturm auf die Bastille. Im April und Mai 1775 herrschte in Frankreich der sogenannte „Mehlkrieg“ gegen als zu hoch empfundene Mehl- und Brotpreise. Der größte Teil der französischen Landbevölkerung lebte damals in bitterer Armut und musste um „das tägliche Brot“ kämpfen. Missernten im Vorjahr führten zu einem Preisanstieg bei Getreide und Brot. Als die Getreidevorräte im Frühjahr 1775 zur Neige gingen, explodierte der Brotpreis. Es kam in vielen Städten zu Aufständen und Plünderungen, die mit Hilfe von 25.000 Soldaten niedergeknüppelt wurden. König Ludwig XVI führte in der Folge eine staatlichen Regulierung des Getreidehandels ein. [2]

Die Geschichte wiederholte sich Jahre später. Die Bevölkerung in Frankreich war stark gewachsen und die Lebensmittelproduktion hielt dem nicht stand. Eine Missernte im Jahr 1788 und durch Überschwemmungen im Frühjahr 1789 auslöste Viehseuchen verdreifachte sich der Brotpreis innerhalb weniger Wochen. Zur Jahresmitte 1789 war Brot teurer als zu jedem anderen Zeitpunkt des 18. Jahrhunderts in Frankreich. Der Brotpreis machte mehr als die Hälfte der Ausgaben aus. Viele Menschen konnten sich Brot kaum noch leisten und hungerten.

Zeitgleich waren Getreidespeicher der weltlichen und geistlichen Grundherren gut gefüllt, weil der König Grundnahrungsmittel wie Brot hoch besteuerte. Sprichwörtlich für die damalige Arroganz des Adels ist ein der französischen Königin Marie Antoinette zugeschriebener Ausspruch: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie eben Kuchen essen“ („S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche!“), der auf die Zeit der französischen Revolution datiert wird, tatsächlich aber bereits vom Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau viele Jahre zuvor geschrieben wurde, als Marie Antoinette noch ein Kind war. Zudem ist die Übersetzung von „Brioche“ mit „Kuchen“ nicht korrekt, weil das Gebäck im 18. Jahrhundert wenig Butter und Zucker enthielt, daher eher einem Weißbrot entsprach. [3]

Der Hunger und die soziale Ungerechtigkeit brachten die Massen im Jahr 1789 auf die politische Bühne und führten letztlich zum Sturm auf die Bastille, welche die Geschichte verändert hat. Dabei ist die Geschichte der französischen Revolution nur beispielhaft für viele andere, die durch Brotmangel ausgelöst wurden, zuletzt etwa die sogenannten Jasmin-Revolution 2010/2011 in Tunesien und China.

Wikipedia-Eintrag zur Losung unter http://goo.gl/MdMPQi, aufgerufen am 29.06.2014

GEO Epoche Nr. 22: Französische Revolution, S. 28–33

Quelle: Wikiquote http://goo.gl/CmiVfv, aufgerufen am 29.06.2014